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Fachredaktion 

Fachbeitrag, veröffentlicht in
SCHIFFAHRT international   1/2000  /  Köhlers-Verlag :

Schiffs-(modell)-Bau im Wandel der Zeit

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© H. Harhaus

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Schiffs-(modell)-Bau im Wandel der Zeit


"Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung" - so hat es ein kluger Kopf definiert. Das heißt auch, man ist und tut eigentlich garnicht das, was man selbst möchte, sondern das, was andere einem vorbeten. Diese Tatsache, daß äußere Einflüsse das Handeln beeinflussen, trifft bezeichnend auch auf das Hobby Schiffsmodellbau zu. So hat sich diese Freizeitbeschäftigung in der Nachkriegszeit gewandelt und verändert wie kaum ein anderes technisches Hobby!

Der Schiffsmodellbau an sich wurde immer nur von Menschen ganz besonderer Art ausgeübt. Bestimmt durch den hohen Arbeits- und Zeitaufwand waren die Tugenden Geduld, Ausdauer ausschlaggebend für den Erfolg. Nur der, der dem "Bazillus Schiffsmodellbau" verfallen und bis in die Haarspitzen begeistert und motiviert ist, hält die vielen hundert Stunden Arbeit an einem guten Modell durch. Die sehr vielseitigen Arbeiten verlangen neben handwerklichem Geschick vor allem die Bereitschaft, sich in vielen, sehr differenten Techniken einzuarbeiten. Von der Holz- und Kunststoffverarbeitung, über die Elektrotechnik/Elektronik bis zum Lackieren und vielem mehr tangiert und vereint der Schiffsmodellbau zahlreiche Handwerkssparten. Nur wer bereit war und ist, sich darin Fähigkeiten anzueignen konnte und kann auf Dauer erfolgreich sein. Daran haben alle Trends nicht viel ändern können - und das ist das moderne Dilemma... aber davon später.

Blicken wir 50 Jahre zurück. Im Dritten Reich wurde der Schiffsmodellbau sehr stark staatlich gefördert und gelenkt. Es war ein Unterrichtsfach an Schulen und in den Jugendorganisationen. Man baute die Schiffe der Kriegsmarine - dem Stolz der Nation - und glorifizierte damit bis ins tiefste Binnenland die Seestreitkräfte. Man baute sogar Modelle mit 8 und 10 m Länge in großen Maßstäben, mit denen man - quasi als Werbetournee - die Flüsse Elbe, Rhein befuhr und in den Häfen der Großstädte für die Blauen Jungs warb. Zum anderen wurde der winzige Maßstab 1:1250 von WICKING eingeführt. Hier konnten alle Schiffe von Freund und Feind auf der Tischplatte ins Manöver geführt werden - eine gute Unterweisung im Schiffserkennungsdienst. Das war übrigens bei den Flugmodellbau-Gruppen nicht anders und entsprach dem damaligen Zeitgeist.

Hier wurden aber die Grundlagen gelegt, von dem der (echte) Schiffsmodellbau auch heute noch lebt! Hier wurde der "Bazillus infiziert", wurde Begeisterung geweckt und das handwerkliche Rüstzeug vermittelt. Laut Umfragen ist die stärkste Altersgruppe in diesem Hobby heute bei den 50- bis 60-jährigen zu finden. Die meisten Preisträger in den Wettbewerben gehören/gehörten dieser Generation an.

Nach dem Krieg konnten natürlich alle, die damals begeistert werden konnten, das Hobby nicht lassen - es ist wie eine Sucht! Das Problem war jedoch das Organisieren von Material und Technik. Es gab nur einfachste Pläne, man baute aus alten Kleiderschrank-Rückwänden Rümpfe und aus Pappe die Aufbauten, an Fernsteuerungen war lange nicht zu denken. Und dennoch wurde mit primitivsten Mitteln und Werkzeugen ganz außergewöhnliche und hervorragende Modelle geschaffen. Mangels verfügbarer Technik waren es vorwiegend Standmodelle. So um 1955-60 gab's dann geeignete kleine Gleichstrom-Motore. Der legendäre "Distler" ermöglichte es, die Modelle auch auf Kurs zu schicken. Natürlich ihrem Schicksal selbst überstellt - Fernsteuerungen kamen später und waren zuerst unerschwinglich.

In diesen Jahren nahm die Entwicklung in Deutschland WEST und Deutschland OST jedoch völlig andere Wege. Während man sich im Westen wirklich im Hobby auf rein privater Ebene bewegte, wurde in der ex-DDR der Schiffsmodellbau - ähnlich wie in Zeiten des "Tausendjährigen Reiches" - staatlich gefördert und gelenkt. Das Hobby war vollständig von der GST organisiert. Nur in den (kontrollierten) Clubs kam man an Material, an Pläne usw. Dafür wurde aber auch vom Staat viel zur Verfügung gestellt. Nicht nur die Räume - teilweise richtige Hallen mit Werstattausrüstung - waren vorhanden, es gab Unterricht, hervorragende Fachbücher und geschultes Personal, die sich um die Jugend kümmerten. Natürlich baute man in erster Linie DDR-Schiffe und sowjetische Einheiten des "großen Bruders". Mangels Technik wurde hier die Klasse "E" bis zur Perfektion entwickelt: Die Modelle fuhren ohne Fernsteuerung auf einem Geradeaus-Kurs und mußten in 50 m Entfernung ein 2 m breites Tor treffen. Das verlangte natürlich ausgesprochene Präzision im Rumpfbau - diese Qualität setzte sich aber in den Aufbauten fort. Für heutige Ansprüche wurden bemerkenswert gute Modelle hier ungesteuert auf den Kurs geschickt! Dieser geförderte Modellbau hat sich bis zum Zusammenbruch der DDR auf hohem Niveau gehalten.

Im Westen fehlte von Anfang an die gezielte Förderung jedes handwerklichen Hobbys. Man hatte ganz andere Dinge im Sinn: Fernsehen, Auto, Reisen, Wohnung und vieles mehr "lenkten" immer stärker vom Hobby ab und setzte andere Maßstäbe.

Das Leben veränderte sich sprunghaft. Die Umwelt, die Industrie vor allem, diktierte, was den "modernen Deutschen" zu interessieren hatte. Die Gesellschaft wurde immer mehr zum "Konsumenten" erzogen. Das bedeutete, die Hobbygruppe wurde immer kleiner, weil man lieber den Urlaub für sich entdeckte, ein neues Chippendale-Wohnzimmer kaufte, in eine Waschmaschine investierte, als sich in den Bastelkeller zu verziehen. Nur die ganz Harten hielten stand...

Das Fazit ist klar: alles, was die Modellbau-Branche entwickelte, herstellte, und anbot, war für eine immer kleiner werdende Käufergruppe. Große Stückzahlen, große Produktionsserien waren nicht realisierbar. Die ersten (brauchbaren) Fernsteuerungen, die so um 1965 bis 70 auf den Markt kamen, die Metz, die Grundig oder die Simprop waren deshalb sündhaft teuer. Ich erinnere mich noch gut, wie man vor den Schaufenstern gestanden und die VARIOTON angehimmelt hat! Mit rund 2000.-- DM lag sie für jeden Jugendlichen weit jenseits des machbaren! Verglichen mit heutiger Technik konnte sie nahezu "nichts", war riesig groß und schwer und dennoch zu damaliger Zeit der große Wurf. Heute bekommt man leistungsfähigeres für 130.- DM im Handel...

Und dennoch, alle, die noch dem Hobby frönten, war diese Technik der Einstieg in eine neue Welt. Man konnte den Modellen vorschreiben, wohin sie fahren sollten! Man konnte damit auch sein eigenes Können einbringen. Es wurden neue Klassen und Regeln geschaffen und der Wettbewerb blühte auf. Der Dachverband organisierte sich, führte Clubs zusammen, setzte bis auf Weltniveau einheitliche Regeln auf, so daß das Hobby international wurde. Die ersten Weltmeisterschaften wurden durchgeführt.

Inzwischen gab es aber auch neue Materialien. Ich nenne hier nur das Kunstharz - Polyester oder Epoxyd ließen völlig neue Herstellungstechniken zu.

Diese Möglichkeiten faszinierten die, die dem Hobby treu geblieben waren, immer stärker. Die Modelle wurden immer besser und immer größer. Die modernen Produkte, Materialien und Transportmöglichkeiten (auch die Autos wurden immer größer) ließen das Hobby boomen. Jeder wollte größer, besser, schöner bauen - zeitweise waren Passagierschiffe "in" - 2m lang, 3m lang liefen sie vom Stapel. Die technischen Möglichkeiten - man konnte sich auch eine eigene Drehbank leisten - machten die Klasse "F6/7" zum Renner. Funktionsmodelle wurden vorgestellt: funktionsfähige Geschütze, selbstlaufende Torpedos, Rauchwände, ja sogar per Fernsteuerung sinkende Schiffe brachte die ganze Palette der "Grauen Flotte" auf die Meisterschaften, was zeitweise von den Modellbauern aller Nationen bevorzugt gepflegt wurde. Später hat sich dieser Trend völlig überholt, man suchte als Vorbilder für die Funktionsmodelle mehr im zivilen Bereich der Forschungs-, Meßschiffe, Tonnenleger, Bohrinselversorger usw. Nicht selten sind mehr als 80 Funktionen in solch einem Modell realisiert!

Ein weiterer Schub brachte die moderne Akku- und Motorentechnik. Mit Einführung der NC-Zellen (Nickel-Cadmium) und der E-Motoren mit Co-Sa-Magneten (Cobalt-Samarium) konnten auch schnelle Schiffe als Modell realisiert werden und es entstanden eigene Klassen der Rennboote. Antriebsleistungen von mehreren PS wurden auf elektrischer Basis (für kurze Fahrzeit) möglich.

Unbeeinflußt von großen technischen Neuerungen gab es aber immer und ständig Modellbauer, die sich den speziellen und traditionellen Sparten verpflichtet fühlten: Standmodellbau, Modell-Segeln, Buddelschiff-Modellbau oder das Sammeln von 1:1250-Modellen war und ist für viele die Freizeitbeschäftigung schlechthin - ebenfalls bis zur Teilnahme auf der Weltmeisterschaft.

So blühte der Schiffsmodellbau bis etwa 1985-90 deutlich auf. In den letzten zehn Jahren ist allerdings ein völlig anderer Trend erkennbar; (oder müßte man sagen, wird von der Industrie diktiert?). Sicherlich ist das Angebot im Freizeitsektor grundsätzlich anders geworden. Der Computer fand Verbreitung, mit ihm die endlosen (sinnlosen) Spiele. Das Medium Video hat seinen Markt erobert, Reisen wurde zur Lieblingsbeschäftigung der Deutschen aus alten und neuen Bundesländern. Die Zeit wurde immer knapper und schnellebiger. Alle, die im Beruf standen, wurden mehr und mehr gefordert. Man konnte deutlich erkennen, daß Schiffsmodellbau ein Hobby der "über-50-Jährigen" wurde. Die Altersgruppe der 30-45jährigen standen voll im Beruf, waren mit Familie, Job, Hausbau etc. mehr als ausgelastet. Die jüngeren von 20-30 Jahren interessierten sich mehr für die neuen Medien PC, Video usw. Die Kinder fielen nahezu vollständig raus, denn ohne Anleitung, ohne Hilfe und ohne Clubarbeit ist ein Kind hoffnungslos überfordert und wird aus eigener Kraft und Können unmöglich den Weg bis zum fertigen Modell gehen können.

Die Industrie bot mehr und mehr "Fast-Fertig-Modelle" an. Man zollte dem Trend Tribut - ein Modell sollte in kürzester Zeit fertigzustellen sein. "Heute bauen, morgen fahren", war die Devise. Das ist natürlich nur durch enorme Modellvereinfachung und Nutzung vorgefertigter Kunststoff-Teile möglich. So entstand das heutige Marktangebot: liebevoll oder verächtlich "Joghurtbecher" genannt. Durch den hohen Vorfertigungsgrad verhältnismäßig teuer, durch die große Vereinfachung eher steril anzusehen. Wenn man mit solch einem Modell am Weiher erscheint, gibt es eben kein "Oh" und "Ah" mehr - der Erbauer empfindet kaum noch den gewissen Stolz auf seine handwerkliche Arbeit und sein dargebrachtes Können. Damit kommt also auch keine Faszination und Motivation mehr auf.

Modellbau "alter Schule" wird industriell fast nur noch aus England angeboten. Nur dort haben sich Hersteller nicht dem "Fast-Food-Gedanken" angeschlossen und bieten nach wie vor Baukästen an, mit denen man sich 200 oder 300 Stunden beschäftigen kann, aus denen Modelle entstehen, die aus 800 oder 1000 Teilen liebevoll zusammengebaut worden sind. Wer das macht, wer die Geduld hat, solches bis zum Stapellauf durchzuziehen, hat dann natürlich auch ein Modell geschaffen, auf das er mit Recht Stolz sein und der Öffentlichkeit privat oder auf dem Wettbewerb präsentieren kann. In ihm wird der Wunsch geweckt sein, das nächste Modell bauen zu wollen.

Der, der aber nur ein Modell "konsumiert" hat, dem wird nach dreimaligem Kurven diverser Runden die rechte Lust vergangen sein und er wird sich einer anderen Freizeitmöglichkeit zuwenden. So ist bei weitem nicht aus jedem, dem heute ein "Fast-Fertig-Baukasten" verkauft wurde, auch auf Dauer ein Schiffsmodellbauer gemacht - ganz im Gegenteil!

So ist festzustellen, daß heute nur noch eine wirklich winzige Gruppe unter uns 60 Millionen Deutsche anspruchsvolle Modellbauer sind und echten Schiffsmodell-Bau betreiben; es sind zumeist die älteren Semester. Natürlich betreiben viele heute den industriell geförderten Schiffsmodell-Konsum - es bleibt jedoch abzuwarten, wie viele durch dieses Marktangebot fast fertiger Schiffe mit dem Bazillus Schiffsmodellbau geimpft werden können und auch in Zukunft dabei bleiben werden, sich steigern und dann irgendwann auch einmal kreativ und selbstständig nach Plänen arbeiten werden und bauen können. Eines ist klar: das Aneignen handwerklicher Fertigkeiten die Beschäftigung mit einem enorm breiten Hintergrundwissen ist mit dem "Konsum-Modellbau" nicht mehr vereinbar.
Der pädagogische Effekt bleibt völlig auf der Strecke - aber vielleicht ist das ja der Trend der Jetzt-Zeit:
Kaufen statt Lernen.

 

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